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Trümmerhaufen

Ich sitze im Zug und starre lethargisch aus dem Fenster und denke über die Trümmer nach, die vor mir liegen und welche einmal mein Leben waren. Es ist eine Weile her, dass ich hier geschrieben habe...früher habe ich es getan um die Sachen für mich selbst zu verarbeiten, meine eigene Therapie. Ich dachte das bräuchte ich nicht mehr, alles sei in Bewegung gekommen und würde sich einrenken, sich bessern...wie sehr man sich doch irren kann...


Im Nachhinein ist man ja bekanntlich immer klüger und wenn man mich nun fragen würde, wie ich in diese Situation kommen konnte, oder eher noch, wie ich sie beschreiben würde, so würde ich vermutlich von einer schweren Vase sprechen, die auf der Kante eines hohen Regals balanciert. Es gibt keine Leiter, alles was man zur Hand hat, ist eine hölzerne Stange um die Vase zu erreichen. Doch müsste man sich erst entscheiden, was man will. Die Vase stabilisieren, so dass sie auf dem Regal bleibt, oder ihr den entscheidenden Stoß versetzen und sie dann auffangen, ehe sie auf dem Boden aufschlägt. Ich konnte das nicht. Stattdessen habe ich die Vase in der Schwebe gehalten weil ich Angst hatte, zu Feige war eine Entscheidung zu treffen und die Konsequenzen zu tragen. Und dann geriet alles von selbst in Bewegung.


Der Kontakt mit Ja. ging immer weiter zurück, von ihrer Seite aus. Bis dahin, dass sie mich anrief und nach einem kurzen Gespräch damit herausrückte, dass sie sich in der Situation nicht wohl fühlen würde (ebenso wie ich) und daher bei ihrem Freund bleiben würde. Wir aber trotzderm befreundet sein könnten.

Zuerst war ich traurig über ihre Entscheidung, war sie doch diejenige, zu der ich mich mit der Zeit mehr und mehr hingezogen gefühlt hatte. Auf der anderen Seite konnte ich es nachvollziehen, die Situation in einer festen Beziehung zu sein und jemanden anders zu treffen, wie wir es gemacht haben, stelle ich mir sehr unangenehm vor. Gerade auch bei ihrem Freund...

Und es hatte den Vorteil, dass sie mir die schwere Entscheidung abgenommen hatte, vor der ich so lange geflohen war. Was mir mit Ja. verloren ging, versuchte ich in Ju. wieder zu finden. Wir verbrachten mehr Zeit miteinander, allerdings blieb hier mehr oder weniger alles beim Alten. Wir chatteten und schrieben SMS, nicht mehr...Bis ich an einem Abend von einem Freund wiederkam, dessen Beziehung in die Brüche gegangen war und gefragt hatte, ob ich etwas Zeit mit ihm verbringen könne. Die Formulierung wie Ju. sie geschrieben hat, ist mir bis jetzt im Gedächtnis geblieben, so oft habe ich die Sätze damals gelesen. Eswar ziemlich spät, als ich heimkam und sie noch im ICQ vorfand. Ich erzählte ihr was passiert war und wo ich gewesen bin und sie antwortete: "Aso, nya eig wollte ich ja vorschlagen, dass wir uns mal treffen könnten, aber wie's aussieht bist du ja komplett ausgelastet..."
Wenn ich den Satz nun lese, kommt er mir in dem Moment unpassend vor, fast sogar schnippisch, aber vielleicht interpretiere ich da auch zuviel rein. Damals jedenfalls musste ich förmlich darum betteln, dass sie es sich nochmal überlegt, allerdings mit Erfolg. Drei Tage später kaufte sie sich ein Zugticket und eine Woche darauf sollten wir uns zum ersten Mal gegenüberstehen. Sie kam an einem Freitag an, ich war früh am Bahnhof und bin nervös den Bahnsteig auf und ab gewandert. Ich wusste nicht wie sie aussieht, oder sich anhört, wir hatten ja nie telefoniert oder Bilder getauscht aber jetzt, in dieser zweiten Jannuarwoche sollte sich das ändern.


Die Vase fällt, und ich mache mich bereit sie zu fangen.


Als sie dann ankam hm, ich weiß nicht wie ich das Gefühl beschreiben soll, ich hatte sie mir schon anders vorgestellt, aber es war nun nicht so, dass ich am liebsten auf der Stelle umgedreht hätte und gegangen wäre.

Die folgende Woche als unschön zu beschreiben ist eine maßlose Untertreibung, aber härtere Ausdrücke mag ich nun auch nicht verwenden. Im Gegensatz zu den Chat-Gesprächen, war sie überhaupt nicht mehr gesprächig, auf Fragen kamen nur knappe Antworten, meist ein "Ja" oder "Nein" eingene Anfänge kamen kaum. Wir sind zweimal spazieren gegangen und haben uns dabei fast nur angeschwiegen, waren in der Stadt und in einem Museum, wobei ich nach dem Besuch das Gefühl hatte, ich hätte alleine gehen können und mich genauso gut amüsiert. Ich habe für sie gekocht, während sie eine halbe Stunde lang aus dem Fenster oder auf ihr Handy gestarrt hat. Das einzige, was mehr oder minder klappte, war das gemeinsame Fern-/Filmsehen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal soviel Zeit vor dem Gerät gesessen habe...Am Freitag drauf ist sie dann gefahren.


Meine Hände greifen nach der Vase, doch ich verfehle sie, stattdessen prallt das schwere Gefäß auf meine Finger, zerschmettert sie und setzt seinen Weg fort. Am Boden zerschellt sie in tausend Trümmer.


Selbst nach der Enttäuschung wollte ich nicht alle Brücken abbrechen, allerdings bin ich ein Mensch, der seine Zeit braucht um über manche Dinge nachzudenken, um Entscheidungen zu treffen und sich über Sachen klar zu werden. Ich dachte sie wüsste das. Wir haben uns nicht im Streit getrennt. Etwa eine Woche habe ich kaum Zeit vorm PC verbracht, im Gegensatz zu sonst, wo ich lange mit ihr gechattet habe. Ich nutzte die Semesterferien, verbrachte Zeit mit meinen Freunden und lernte sogar ein nettes Mädchen kennen, wir trafen uns zweimal, waren im Kino, haben gekocht, sie hat bei mir übernachtet, aber wir schliefen nicht miteinander, ich habe abgeblockt. Irgendwann erreicht mich eine SMS von Ju. wie ich ihr sowas nur antun könne, wieso ich mich nicht mehr melde, ob ich sie hassen würde, dass es ihr schlecht gehe, ich nicht für sie da sein würde... Ich fand es reichlich übertrieben, aber irgendwo konnte ich es auch verstehen. Ich verbrachte wieder etwas mehr Zeit am PC, schrieb mit ihr, aber es war nicht mehr dasselbe, ständig beklagte sie sich, es wäre nicht mehr wie früher, ich sei nie mehr für sie da sie könne mir nicht mehr trauen, ich habe sie enttäuscht, nie was mit ihr machen wollen, beim kochen hätte sie mir gerne geholfen, auch wenn sie nichts gesagt habe...ich hätte es doch merken können...

Ich habe das alles weggesteckt und irgendwann wurde es dann auch besser. Nachts telefonierte ich lange mit A.


Vorsichtig beginne ich die Scherben mit bloßen Händen zusammen zu suchen und versuche Ordnung ins Chaos zu bringen.


Irgendwann dann waren die Ferien vorbei und das Semsester begann wieder. Ich habe mich durch die ersten Vorlesungen gequält und dann festgestellt, dass es so nicht weiter geht. Ausnahmsweise fiel es mir leicht eine Entscheidung zu treffen. Das Studienfach war nicht das richtige für mich. Stattdessen nutzte ich die Zeit nun um mir eine Alternative zu suchen. Außerdem habe ich mich bei der Lufthansa beworben und bereite mich auf die Tests vor. Ich schrieb wieder etwas mehr mir Ju. und telefonierte mit A. alles schien soweit okay zu sein. Bis Ju. von A. erfuhr...


Ich schneide mich an den messerscharfen Scherben. Mein Blut benetzt die Keramik und wird von dem Ton aufgesogen wie von einem blutdürstigen Monster.


Ich hatte Ju. gesagt, dass ich mit ihr befreundet sein kann, aber nichts, was darüber hinaus geht und für mich zumindest war die Sache erledigt. Was genau passiert ist, habe ich erst hinterher erfahren. Es war der Abend vor meinem letzten Referat, ich bin früh ins Bett gegangen, habe noch mit A. telefoniert und bin dann eingeschlafen. Irgendwann gegen 4:00 Uhr nachts weckt mich mein Handy, eine SMS von Ju. "Ich hasse dich!" Keine Antwort auf Rückfragen, außer ich solle zum Chatten onkommen. Was ich gemacht habe...

A. schreibt mich gleich an, was ich mir denken würde mit ihr zu spielen, wo ich doch eine Freundin habe. Mir bleibt keine Möglichkeit zum Antworten, schon ist sie fort und ignoriert mich. Ju. ist noch da...was ich mir denken würde ihr sowas anzutun, ihr Hoffungen zu machen und sie dann zu betrügen. Ich verstehe die Welt nicht mehr, bin müde, verwirrt, überlege was ich falsch gemacht habe...mache mir Sorgen um A. Ich versuche vergeblich zu erklären, irgendwann habe ich selbst das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, auch wenn ich nicht weiß was.

Das Referat ist reine Folter, ich habe nicht mehr geschlafen, den Kopf voll mit anderen Dingen, trotzdem versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Wir bekommen 14 Punkte. Meine Kollegin frage ob alles in Ordnung sei, ich winke ab, mag nicht darüber reden.

Die folgenden Tage sind schrecklich, im Nachhinein bereue ich fast alles, hasse mich für meine Dummheit. Mit A. schreibe ich wenig, wenn dann meist oberflächlich und sachlich. Ju. hingegen ist omnipräsent, schickt mir immer wieder Ausschnitte von Gesprächen von A. von Dingen, die sie über mich gesagt hat. Es tut weh, das zu lesen, ich bitte sie damit aufzuhören, sie tut es nicht, schickt immer weiter, und auch wenn ich nicht will, lese ich sie doch. Der Bruch mit A. ist perfekt. Ju bleibt weiter da, wir schreiben, SMSn und irgendwann treffen wir uns nochmal, ich konnte nicht glauben, dass sie bei einem Treffen so anders ist. Doch sie ist es, auch das zweite Treffen schadet mehr als es hilft. Danach stelle ich noch einmal klar, das wir nur Freunde sind, nicht mehr....sie akzeptiert es nicht, wirft mir vor mit ihr zu spielen, sie zu verraten, im Stich zu lassen. Ich sei der einzige den sie habe, alle anderen seien fort oder tot, ich dürfe sie nicht verlassen.

Trotzdem bin ich mit meinem Leben nicht zufrieden, ich bin immer weniger am PC, wenn, dann zum lernen. Wir schreiben weniger miteinander, SMS schreiben wir nicht mehr. Wenn wir schreiben, streiten wir. Immer den selben Ablauf. Sie wirft mir vor nie für sie da zu sein und ihr nur Vorwürfe zu machen, ich deute an, dass sie mir auch etwas vorwirft, sie ist beleidigt, meint ich würde ihr an allem die Schuld geben, schreibt wie schlecht es ihr geht, dass sie wohl aus Frust mit ihrem Nachbarn schlafen würde wenn es so weiter geht...Es fällt mir höllisch schwer, aber ich schaffe den Absprung, Freundschaft, ja...aber eine Freundschaft braucht für mich keine Mindestanzahl an Wörtern, die man am Tag wechseln muss, wie sie es haben will...


Auch auf meine Familie hat dieser Konflikt Einfluss, ich bin gereizt, meine Eltern leiden darunter. Ich hatte überlegt wieder nach Hause zu ziehen, doch mein Vater sagt, es würde nicht gehen, ihre Ehe sei schon einmal fast wegen mir in die Brüche gegangen. Ich fühle mich haltlos, falle....es ist ein mieses Gefühl keine Heimat mehr zu haben, entwurzelt zu sein...wobei doch, ich habe noch eine Heimat...ich bin dort nur nicht mehr willkommen.

Für die Semesterferien im Sommer werde ich mir einen Job suchen müssen, meine Eltern haben mir meine Unterstützung gekürzt, ich habe ja genug Zeit. Dabei müsste ich mich auf die Tests vorbereiten. Ich lebe immer sparsamer, esse kaum noch (Eine Mahlzeit am Nachmittag) manchmal gar nichts...


Ich sitze immernoch im Zug, auf dem Weg nach Hause ich stelle mich bei einem Verlag vor, will ein Praktikum machen für mein Studium Medien und Kommunikationswissenschaften...oder Germanistik, je nachdem wo ich genommen werde. Im November sind die Pilotentests...


Ich wundere mich manchmal, dass ich an der ganzen Geschichte nicht zerbrochen bin, ich war oft genug kurz davor.

"Nothing Else Matters" spielt in meinem MP3 Player...ich fühle mich allein, noch 45 Minuten bis ich Zuhause ankomme. Dort wo ich mich sicher fühle...dort wo ich nicht Willkommen bin...


Ich stehe vor dem Scherbenhaufen, viele der weißen Tonstücke sind von rotem Blut besprenkelt. Meine Hand tut weh, pulsiert unangenehm. Ich habe so viele Fehler gemacht, so viele falsche Entscheidungen getroffen. Ich hasse mich dafür... Lange stehe ich dort so, dann drehe ich mich langsam um und verlasse den Raum...

.Ozymandias

6.7.10 18:24
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Herzknall / Website (6.7.10 23:01)
Handykarte is leer, hab Montag Führerscheintheorie & so verdammt wenig Zeit.

Ich les alles ganz genau, sobald ich kann, ich versprechs.
Ich hab auch die Sms'n gelesen. Schrieb ruhig wenn dich was bedrückt.

Tut mir leid..

C.

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